DAS GESUNDE LAUFGEFÜHL

Laufen, rennen, draussen sein, die Natur geniessen – Laufen ist etwas, das mich glücklich macht. Egal ob im Training, einem Wettkampf oder einfach nur so, bei einem gemütlichen Sonntagsspaziergang. Nach dem ich draussen gelaufen bin fühle ich mich relaxed, geerdet und zufrieden. Während des Laufs bin oft genervt, unruhig und im Stress. Meine Herzfrequenz macht mir zu schaffen. Wenn sie nicht im gewünschten Bereich liegt, schiebe ich die Krise. 

Running in Glacier Park.

Ich bin ein Kontrolljunkie. Zumindest was die Daten auf meiner Garmin angehen. Ständig überprüfe ich, wie hoch meine Herzfrequenz ist und ob diese im richtigen Bereich liegt. Alle paar Meter, das muss man sich mal vorstellen! Ich kann mich teilweise gar nicht richtig auf mein Training konzentrieren, weil mich die angezeigten Daten auf der Uhr so aus dem Konzept bringen. Liegt die Herzfrequenz im gewünschten Bereich ist alles gut. Schlägt mein Herz aber über dem gewünschten Bereich, kann es mitunter vorkommen, dass ich so demotiviert bin, dass ich den gesamten Lauf abbreche, weil ich einfach keinen Bock mehr habe.

Dabei hängt gerade die Herzfrequenz von so vielen Faktoren ab:

  • Wie hat man geschlafen?
  • Was hat man gegessen
  • Wie viel hat man getrunken?
  • Wie kalt oder warm ist es draussen?
  • Wie fühlt man sich allgemein?
  • Hat man Stress?
  • Wie ist die Trainingsstrecke?
  • etc.

Schon länger habe ich darüber nachgedacht, einfach mal ohne Pulsgurt loszulaufen. Mich frei zu fühlen, wie in den aller ersten Lauftrainings, als ich noch keine Uhr besessen habe. Eine spannende Unterhaltung mit  Patrick Jaberg zum Thema Kontrollzwang und Herzfrequenz hat mich weiter ermutigt, Trainings ohne Pulsgurt anzustreben.

Patrick ist Profi-Triathlet auf der Langdistanz und Inhaber sowie Triathlon Trainer bei The Big 3. Er hat ein irrsinniges Laufgefühl. Kann, egal ob auf unbekanntem oder bekannten Terrain, stets sehr genau sagen, wie schnell und wie lange er unterwegs ist. Die Kunst einzuschätzen, wie hoch die Herzfrequenz dabei ist bedarf einiges an Übung.

Seine Tipps zur Entwicklung eines gesundes Laufgefühls habe ich unten für euch zusammengefasst.

Tipp 1

Lasst euch nicht verrückt machen! Trainingsempfehlungen aus Zeitschriften oder im Internet sind Richtwerte. Jeder Mensch hat seine individuelle Grenze, da passen vorgefertigte Trainingspläne meistens eher weniger.

Tipp 2

Fühlt in euch hinein, ehe ihr loslauft. Wie fühlt ihr euch? Fit, stark und bereit für Schweiss und Arbeit oder doch etwas müde und abgeschlagen von vorangehenden Trainingseinheiten? Seid ehrlich zu euch selbst, aber nicht zu gnädig.

Tipp 3

Wählt für euch unbekannte Strecken und versucht die Distanz einzuschätzen. Definiert einen Start und einen Zielpunkt und kontrolliert erst zum Schluss oder zu Hause ob ihr einigermassen richtig geschätzt habt.

Tipp 4

Natürlich soll die Uhr mitsamt Pulsgurt jetzt nicht ganz hinten im Schrank verschwinden. Aber es ergibt durchaus Sinn und kann regelrecht befreiend sein auch mal ohne Pulsgurt zu laufen und nicht alle paar Meter auf die Uhr zu schauen.  Versucht genau zu spüren wie ihr lauft. Unterscheidet zwischen den drei Tempi LANGSAM, MITTEL und SCHNELL.

Beim LANGSAMEN LAUF ist langsam noch zu schnell. Stellt euch vor, ihr nehmt jemanden gänzlich unsportlichen mit zum Lauf. So dürfte das Tempo annähernd richtig gewählt sein.

Der MITTELSCHNELLE LAUF lässt zu jederzeit einen Schwatz mit einem Trainigspartner zu. Wer wie ich oft alleine läuft kann zur Kontrolle gelegentlich ein Lied anstimmen. Kommt dieses problemlos über die Lippen und kann ohne Absetzten gesunden werden, ist das Lauftempo in Ordnung.

SCHNELLE LÄUFE bringen einen so richtig aus der Puste. Die körperliche Anstrengung ist spür- und sichtbar. Der Schweiss steht einem auf der Stirn, atmen geht nur noch stossweise und an Sprechen ist nicht mehr zu denken. Jetzt heisst es Zähne zusammenbeissen und durch. Dieses Tempo wird im übrigen nicht über lange Distanzen gehalten!

Tipp 5

Lauft kürzere Strecken und versucht eure Geschwindigkeit zu schätzen. Zu Anfang ist es unumgänglich diese Einschätzungen zu kontrollieren. Aber eben, erst nach dem Lauf oder einer gesetzten Distanz.

Mein Fazit

Ich hatte einen absoluten Glückslauf! Es fiel mir schwer, nicht ständig auf die Uhr zu schauen, zur Ablenkung habe ich alle Leute die mir begegnet sind freundlich gegrüsst und ihnen zu gelächelt. Ich habe versucht bewusst zu laufen und auf meine Atmung zu hören.

Zu fühlen, wie schnell ich effektiv unterwegs war, war schwer. Ich lag auch öfters mal daneben, aber so richtig. Einmal hatte ich das Gefühl, dass ich so richtig schnell unterwegs bin, der erlaubte Blick auf die Uhr nach dem gelaufenen Kilometer war ernüchternd. Ich war fast eine Minute langsamer als gedacht. Ich werde also noch etwas an meinem gesunden Laufgefühl arbeiten müssen!

Wichtig ist mir aber, dass ich Spass hatte und auch wenn ich mir beim ersten Mal erlaubt habe nach jedem Kilometer kurz zu schauen ist es bereits ein kleiner Fortschritt erst dann einen Blick auf die Uhr zu werfen, wenn das Signal ertönt! Beim nächsten Lauf, wird nur noch alle 2 Kilometer geschaut und so versuche ich Schritt für Schritt weniger Kontrolle während dem Lauf über die Uhr zu haben.

Übrigens, meine gewählte Strecke lag um den Berner Flughafen. Ich habe geschätzt, dass es eine Distanz von 6 Kilometern ist, den Flughafen einmal zu umrunden und siehe da, so daneben lag ich nicht. Die effektive Distanz lag bei 5.9 Kilometern. Ich schätze, das war ein Glückstreffer!

Flughafenrunde

Es war ein befreiender Lauf. Ein freudiger Lauf. Ich bin sicher, dass ich zu schnell unterwegs war, da ich mich aber während der gesamten Zeit gut gefühlt habe, mache ich mir was die Geschwindigkeit angeht für ein mal keinen Kopf. Das Ziel, ein Gefühl für meinen Körper, meine Pace und Zeit zu entwickeln steht jetzt erst mal im Vordergrund. Die ständige Kontrolle der Herzfrequenz blockiert mich, urplötzlich, mitten im Lauf. Sie demotiviert mich und zieht mich auch am Tagesende noch runter, wenn der Lauf nicht nach meinem Gusto verlaufen ist. Ausserdem bestreite ich meine Wettkämpfe grundsätzlich ohne Brustgurt, ja meist sogar ohne Uhr.

Noch hapert es mit den Einschätzungen, bis im Frühjahr möchte ich das aber definitiv können und so werde ich mir von nun an, regelmässige Läufe ohne Pulsgurt verordnen.

Wie trainiert ihr? Immer mit Pulsgurt und Uhr oder auch mal ohne? Seid ihr auch so üble Kontrolljunkies wie ich? Und wenn nicht, bin ich euch für Tipps, wie ich ein gutes Körpergefühl in Sachen Pace & Belastung entwickeln kann dankbar.

Ana

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Auf www.waytoirongirl.ch findest du alles Wissenswerte zum Thema Triathlon - weil Triathlon mehr als nur (m)ein Hobby ist!

3 thoughts on “DAS GESUNDE LAUFGEFÜHL

  1. supi! hört sich toll an… bin auch lange nur mit gurt gelaufen, vorallem wegen dem puls – da ich ja keine wettkämpfe mache, war/ist mir tempo ziemlich egal… irgendwann stellte ich fest, als mein gurt mal kaputt war, dass ich mich eben viel mehr auf meinen körper konzentriere, wenn ich nicht auf die uhr schaue, sondern auf meinen körper höre… und seither bleibt meine uhr zuhause 😉

  2. „Lasst euch nicht verrückt machen! Trainingsempfehlungen aus Zeitschriften oder im Internet sind Richtwerte. Jeder Mensch hat seine individuelle Grenze, da passen vorgefertigte Trainingspläne meistens eher weniger.“
    Dazu kann ich nur „Amen“ sagen.

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