PLATTE REIFEN HABEN ES IN SICH

Grundsätzlich sollte man als Frau immer wissen, wie man platte Reifen wechselt oder flickt. Ein weiterer Vorteil ist es, gut vorbereitet in grössere Radtouren zu starten. Ich habe die beiden genannten Punkte letzte Woche nicht wirklich beachtet und wurde eines besseren belehrt! Heute weiss ich,  genügend Ersatzschläuche, eine Luftpumpe, Flickzeug und genügend Bargeld sind bei Radausfahrten unerlässlich.

Unsere Tochter war auf einem Schulausflug und ich genoss meinen freien Tag und beschloss eine Radtour von Thun, über den Beatenberg in Richtung Interlaken und von dort via Grindelwald auf die grosse Scheidegg und heim nach Thun. Eine Tour von rund 119 Kilometern. Absolut zu schaffen. In Beatenberg war die erste grössere Pause eingeplant. Bis kurz nach Interlaken lief auch alles super. Dort kam ich irgendwie vom rechten Weg ab.

Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich in Sachen Orientierung eine absolute Null bin.

Schotterwege und Rennräder

Über Stock und Stein musste ich über rund 5 Kilometer einem Schotterweg folgen. Aus lauter Angst um mein Rad habe ich es getragen. Es kam mir in der sengenden Sonne wie eine Ewigkeit vor. Endlich wieder Asphalt unter den Füssen erklomm ich den Anstieg nach Grindelwald. Ich war zwar etwas aus dem Zeitplan aber durchaus noch früh genug um im Hellen nach Hause zu kommen. Froh draussen zu sein und den Mut zu haben alleine eine so grosse Tour zu machen, radelte ich munter Bergauf.

Ein lautes Zischen und das ungute Gefühl dass unter meinem Hintern etwas nicht ganz in Ordnung ist, liessen mich aber schneller anhalten als üblich. Kurz vom Rad gestiegen sehe ich schon, dass ich einen Plattfuss habe. Weil Frau gut plant war ein Ersatzschlauch schnell zur Hand. Und dann? Ich musste mir, weil ich nicht wirklich wusste wie man Schläuche wechselt erstmal mit einem Youtube-Tutorial behelfen. Nach dessen Anleitung habe ich den Schlauchwechsel soweit ganz gut bewältigt und fahre stolz weiter.

Ach meinen Mann habe ich natürlich sofort davon in Kenntnis gesetzt, dass ich erfolgreich und ohne seine Hilfe einen Schlauch gewechselt habe und das Rad sogar wieder fahrbar ist.

Harte Anstiege, müde Beine und das Rad auf dem Rücken

Nach einer weiteren kurzen Pause in Grindelwald sollte mich der Anstieg auf die Grosse Scheidegg so richtig an meine Grenzen bringen. Es war mehr Kopf- als Beinarbeit. Ich fluchte, kämpfte und war stolz nicht aufzugeben. Selbst dann nicht, wenn mir auf der engen Passstrasse Reisebusse entgegen kamen oder mich überholten. Ich wusste, wenn ich hier vom Rad steige, schaffe ich den Antritt nicht mehr!

Es kam wie es kommen musste, kurz vor der Passhöhe, ich war echt fix und fertig, hörte ich ein erneutes Zischen, diesmal unter dem Lenker. Ein Blick und ich wusste, ich muss absteigen um den Schlauch im vorderen Reifen zu wechseln. Gesagt getan – natürlich wieder ganz fachmännisch – diesmal sogar ohne Youtube-Tutorial!

Der Kopf war stärker als die müden Muskeln und so „schwang“ ich mich erneut aufs Rad um die letzte Etappe zur grossen Scheidegg in Angriff zu nehmen. Motiviert habe ich mich, in dem ich die S-Kurven abgezählt hab. Nach jeder S-Kurve hab ich mir selbst eine tolle Belohnung versprochen. Es hat geklappt. Oben angekommen bin ich dennoch nur zu Fuss!

Rund 900 Meter vor der Grossen Scheidegg hab ich mir den dritten Plattfuss an diesem Tag eingefahren. Zu meinem grossen Ärger, hatte ich weder einen weiteren Schlauch, noch eine Gaspatrone, geschweige denn eine Pumpe im Gepäck.

Ich wollte aber unbedingt da hoch, also hab ich das Rad geschultert, die Schuhe im Rucksack verstaut und bin barfuss auf die Grosse Scheidegg. Immer mit dem Gedanken, dass ich die Abfahrt, nicht wie geplant auf dem Rad, sondern gemütlich im Postauto vornehmen würde und mein Mann mich dann im Anschluss in Meiringen am Bahnhof abholt.

So ein Scheiss – Wenn Triathlonmädchen heulen

Oben angekommen, stelle ich als erstes fest, dass heute kein Postauto mehr nach Meiringen oder Grindelwald fährt und auch sonst weit und breit kein Mensch mehr auf der Grossen Scheidegg zu sehen ist. Leichte Verzweiflung machte sich in mir breit. Ich wusste, dass für die Öffentlichkeit auf der Strasse zur grossen Scheidegg ein Fahrverbot galt. Dennoch wollte ich wenigstens meinen Mann anrufen und ihm sagen, er möge mich in Rosenlaui bei Grindelwald abholen. Mit dem letzten Rest an Akku, den mein iPhone hergab, tat ich mein Anliegen kund, putzte mir danach Tränen und Rotze ab, ganz nach dem Motto „Hinfallen, aufstehen, Krönchen richten, weiter machen“, schulterte wieder mein Rad und machte mich barfuss auf den Weg richtung Grindelwald.

Acht lange Kilometer. Die ich fluchend bergab lief. Meine nackten Fussohlen brannten und immer wieder kamen die Tränen. Ich war sauer auf mich, auf die kaputten Radschläuche und auf die ganze Welt. Nicht mal die majestätische Bergkulisse konnte mich entschädigen. Nach gefühlten Stunden, kam ich endlich in Rosenlaui an. Von meinem Mann weit und breit keine Spur – das Restaurant war, wie erwartet auch bereits zu. Also setzte ich mich an den Strassenrand und wartete.

Lehrgeld bezahlt und weitergemacht

In Gedanken liess ich den Tag revue passieren und schwor mir, demnächst mache ich solch grosse Ausfahrten nur noch mit genügend Ausrüstung und vor allem Know-how, mit dem ich mir selbst aus der Patsche helfen kann.

Mit dem Sonnenuntergang und der einsetzenden Dämmerung hörte ich das Motorengeräusch unseres Autos. Ich war unendlich erleichtert zu wissen, dass ich gleich in die Arme meines Mannes sinken kann und nur noch im Auto sitzen muss um nach hause gefahren zu werden.

Mir wäre nicht im Traum eingefallen stolz zu sein auf die erbrachte Leistung. Erst als mein Mann sagte „Hey, hör auf dich zu ärgern! Freu dich darüber, dass du mental stark warst und nicht aufgegeben hast.“ So gesehen, musste ich ihm recht geben. Es war hart, ich musste mich durchbeissen und kämpfen aber ich habe nicht aufgegeben!

WAS MICH NICHT UMHAUT MACHT MICH STARK – IN DIESEM SINNE – ICH FREU MICH AUF DIE NÄCHSTE RADAUSFAHRT!

 

 

 

Ana

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